Interview mit Herrn Isenbügel zum Thema 'Lebensstil in Bolivien'
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1. Wie sieht ein normaler Tag in Bolivien aus bei den Reichen und den Armen?
Im Hochland Boliviens liegt in 3700m Höhe La Paz, was zu deutsch Frieden bedeutet, diese Stadt kann man mit einer normalen europäischen Metropole vergleichen. Weiter unten, im Süden von La Paz, in 3500m Höhe wohnen die reichen Leute, deren Häuser eher einer Festung gleichen. Die sind mit 3m hohen Mauern umgeben, auf denen noch mal Elektrozäune mit Stacheldrahtzaun angebracht sind. Meistens gibt es auch rund um die Häuser kleine grüne Hütten, in denen Privatpolizisten Wache halten, und die Schulen haben kugelsichere Fenster. Die Menschen dort haben einen hohen Lebensstandard und einen ähnlichen Tagesablauf wie wir Europäer, viele sind auch europäischer Abstammung. Die Menschen dagegen, die in El Alto, der armen Schwesterstadt von La Paz, in 4200m Höhe leben, sind sehr arm und kennen einige Dinge, die für uns Europäer selbstverständlich sind, überhaupt nicht. Wenn wir morgens aufstehen, dann frühstücken wir und gehen dann aus dem Haus; sei es zur Schule oder zur Arbeit. Aber dort gibt es nur für wenige Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, und kaum reguläre Arbeitsplätze. Für viele ist die einzige Möglichkeit, Geld verdienen, auf kilometerlangen Märkten mit allem zu handeln, was sie haben. Auch viele Kinder arbeiten auf diesen Märkten. Die Jungs verdienen sich ihr Geld als Schuhputzer oder rufen in kleinen Bussen die Stationen aus und helfen den Passagieren beim Ein- und Aussteigen, und die Mädchen werden manchmal als Hausmädchen eingestellt, allerdings verdienen sie nur wenig, so dass sie kaum damit über die Runden kommen.

Herr Isenbügel mit Kindern in Bolivien
Herr Isenbügel, der Leiter der Bolivien-AG, mit Kindern in Bolivien

2. Unter welchen Bedingungen leben die Menschen?
Die Menschen dort leben in extremer Armut und haben kein eigenes Land, welches sie beackern können. Sie leben in kleinen Hütten aus Lehmziegeln mit einem Wellblechdach. Diese Häuser haben eine Fläche von etwa 4x6 m, in denen lebt z.B. eine Familie mit drei Kindern und es gibt dann ein Bett für die Eltern, eins für die Kinder und eventuell noch eine kleine Kochstelle. El Alto hat in vielen Stadtteilen keinerlei Infrastruktur, es gibt keine Asphaltstraßen, Kanalisation oder Wasserleitungen.

Die Lebensumstände der Kinder

Die Lebensumstände der Kinder
Die Lebensumstände einiger Kinder in Bolivien

3. Wovon ernähren sich die Leute, wenn sie überhaupt etwas zu essen haben?
Eigentlich ist Bolivien das Land der Kartoffeln und man ernährt sich auch viel von Reis, Rindfleisch, Lamafleisch und Schweinefleisch, allerdings gilt das eher für die reichere Schicht. Die armen Leute können sich das, wie schon gesagt, nicht leisten, auch wenn eine warme Mahlzeit auf dem Markt nur 50 Cent kostet; nicht mal dafür haben sie Geld. Viele fangen sogar im Kochtopf das Regenwasser auf; das von ihrem Wellblechdach tropft, und kochen sich dann mit 2-3 Kartoffeln eine Suppe. Und das war es dann für den Tag. Mangelernährung ist an der Tagesordnung, mit besonders schlimmen Folgen für die Kinder. Viele Menschen im Altiplano verhungern auch.

4. Womit beschäftigen sich die Kinder in ihrer Freizeit?
Also, das Wort Freizeit kennen die Kinder dort gar nicht, denn sie arbeiten ja den ganzen Tag um sich dann wenigstens einmal am Tag was zu essen kaufen zu können. Während die Kinder hier in Europa sich nachmittags mit Freunden treffen und dann Playstation spielen oder Ähnliches, versuchen sich dort viele durch Klauen irgendwie durchzuschlagen. So was wie Spielzeug kennt man da nicht. Eine Lehrerin des colegio Antofagasta, das für Kinder, die arbeiten, Abendkurse anbietet, hat mal von unserem Spendengeld jedem Kind aus ihrer Klasse etwas zu Weihnachten geschenkt, und bei allen war die Freude über dieses Spielzeug riesengroß, das glaubt man gar nicht. Diese Kinder hatten so was noch nie erlebt. Es ist eine der wenigen Schulen, die auch Abendunterricht haben für die Kinder aus den ganz armen Familien, die tagsüber Geld verdienen müssen. Längst nicht alle Kinder können zur Schule gehen. Viele Kinder (meist die Jungs) werden mit 12 Jahren von ihren Eltern weggeschickt, weil sie sie nicht mehr ernähren können. Die rutschen dann in die Kriminalität ab oder kommen mit Drogen in Kontakt. Man kann z.B. sehr billig Zuckerrohrschnaps erwerben; dann trinken die Jugendlichen abends, um die Kälte in der Nacht nicht zu spüren. Viele erfrieren dann. In der Ceja, einem Stadtteil von El Alto, gibt es einen deutschen Priester, der seit längerem schon versucht, wenigstens ein paar Kindern die Chance zu geben von den Drogen wegzukommen und ihnen ein Dach über dem Kopf zu geben in kalten Nächten. Er hat die Movida Bolivia gegründet. Er nimmt regelmäßig so um die 20 Kinder auf, in besonders kalten und stürmischen Nächten kommen oft auch mehr als 30, später leben sie dann in Wohngemeinschaften und werden da auch therapeutisch betreut, um dann die Chance zu haben eine Schule zu besuchen. Mittlerweile gibt es dort auch für 150 Schuhputzer-Kinder einmal am Tag eine warme Mahlzeit.

Kinder auf einem Bauernhof in Bolivien
Kinder auf einem Bauernhof in Bolivien

5. Wie sieht es dort mit ärztlicher Versorgung aus?
Die ärztliche Versorgung ist eins der größten Probleme, da die ärzte sich weigern Leute zu behandeln, die nicht bezahlen können. Dadurch sterben viele auch an den Folgen harmloser Verletzungen, weil sie sich z.B. entzündet haben oder die Menschen sich Infektionen zuziehen, die ebenso wenig behandelt werden. Einmal habe ich erlebt, dass der dueño einer Imbissbude einem Kind, das für ihn gearbeitet hat, kein Geld geben wollte, und als der Junge wiederkam und seinen Lohn forderte, hat er ihm einen Topf heißes Öl aus der Friteuse über den Rücken gekippt. Ohne Bezahlung wollte kein Arzt seine Brandwunden behandeln. Wenn ein Junge irgendwo auf der Straße nachts erschlagen wird, kann es sein, dass die Polizei nur den Namen des Opfers feststellt und den Fall dann ohne weitere Untersuchung zu den Akten legt. Viele Verbrechen an Kindern werden nie aufgeklärt...

Autoren: Franziska Wille, Luisa Heinrichs
Letztes Update war am 20.11.2005 | 129210 Abrufe